Das Bonmot über die Protestanten:

„Verschwunden ist der Protest, geblieben sind die Tanten.“

steht nach dem Reformationsjubiläum keineswegs allein für den Zustand der Reformierten Kirchen. Die Tanten sind überall und beschränken sich nicht auf Häkelnachmittage und Stuhlkreise. Der klimagenderbuntvielfältige Umbau der Gesellschaft nimmt Fahrt auf. Tanten beiderlei Geschlechts haben das Regiment übernommen und wehe dem, der nur laue Begeisterung für Gutgemeintes aufbringt. Bevor nun aber Tretautos vom Himmel fallen, der Weltfrieden mit Tofu, Mate, Gebeten mit Margot und Plünderungen Hamburger Drogeriemärkte Einzug hält, Strom und Grundeinkommen bedingungslos aus der Steckdose kommen, sich endlich(!) die Einsicht durchsetzt, dass der Mensch ausschliesslich gut ist, wenn die Abwesenheit von Rechtsstaat, Physik und böser weißer Männer mit butterfarbener Haartolle ihn nur lassen, bevor also das heute schon mit Händen greifbare irdische Paradies (vermutlich zuerst auf deutschem Boden) das Ende der Geschichte einläutet, müssten wir nochmal reden:

über Gott und die Welt.

Im Ernst haben ja alle bisherigen Paradiesversuche stets zur Katastrophe geführt. Warum Christus sagte „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, warum Mitleid auch schädlich sein kann, das Postulat von der „Strukturellen Gewalt“ mit „Welcome to Hell“ übersetzt werden darf, warum es mit Paul Watzlawick gesprochen ein „Schlechtes des Guten“ gibt und das Gegenteil von Böse nicht automatisch „Gut“ sein muss, was Max Weber mit dem Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik im Sinn hatte, warum unser Hang, jedem eine Extrawurst braten zu wollen in einen infiniten Regress von Regel und Ausnahme führt und warum Jesus von Nazareth die Tanten, die schon immer das große Rad der Weltverbesserung drehen wollen als reißende Wölfe im Schafspelz moralischer Überlegenheit charakterisiert, umreißt Themenfelder und Gesprächsstoff.
Gesellschaftskritische Blogs gibt es, verstärkt seit der Vertrauenskrise des Staates 2015, zuhauf. Dieser Blog möchte sich speziell den geistlichen, pardon „zeitgeistlichen“, Themen der protestantischen Welt zuwenden.

Manifesto

Fecisti nos ad Te et inquietum est cor nostrum donec requiescat in Te

((Du hast uns zu Dir hin geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir))

Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: „Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, dass Gott tot ist !“

Gott ist tot ! Nietzsche

Nietzsche ist tot !Gott

(Graffito)

Die Lage in unserer westlichen Welt ist gekennzeichnet durch Krise und Verwirrung im politischen, philosophischen und theologischen Denken und Handeln. Vorherrschend sind Individualisierung und radikaler Subjektivismus bei gleichzeitiger vehementer Moralisierung und Ideologisierung; Zersetzung des Wahrheitsbegriffes (Pluralisierung, es gibt nur noch Wahrheit-en, Vielfalt, Toleranz) bei gleichzeitiger radikal subjektiver und emotionalisierter Wahrheitsbehauptung verbunden mit identitär und moralistisch begründetem Herrschaftsanspruch, Intoleranz und Lobbyismus.

Weit verbreitet ist die Gleichgültigkeit gegenüber eklatanten Rechts- und Vertrauensbrüchen in der Politik, gegenüber schleichendem Freiheitsverlust und wachsender Ent-Demokratisierung (Selbstentmachtung der Legislative, Machtzuwachs der Exekutive – auch in bezug auf Kontrolle und Überwachung von Sprech- und Denkweisen, von Meinungen und der en Äußerung), Aushebelung der Gewaltenteilung, Einschränkung von Demonstrationsrecht und politischer Betätigung, Versagen des Rechtsstaats beim Schutz vor politischer Gewalt, Auflösung der sozialen Markwirtschaft in eine von Staatsvorgaben geprägte Wirtschaft.

Kaum wahrgenommen wird die Krise des Denkens und Argumentierens überhaupt, z.B. die Unlogik und Verwirrung (und/oder Herrschaftsmethode), die sich zeigt in der Forderung absoluter Toleranz in Bezug auf die eigenen Standpunkte bei Intoleranz gegenüber den Standpunkten der andern. Unwilligkeit und Unfähigkeit, Fakten und Argumente, die der eigenen Überzeugung entgegenstehen, überhaupt zu erwägen, häufen sich ebenso wie Ausgrenzung, Kontaktabbruch oder Scheingespräche (in denen es nur um Formen, nicht um Inhalte geht) und letztlich die Versuche, die soziale Existenz derer zu vernichten, die anders denken.

Es ist die Zeit der einfachen Lösungen, der Einschränkung von Denken (Denkverbote, Tabus) , Äußern (Zensur von Meinungen, Verweigerung/Verhinderung des freien Diskurses, Vorgabe von Worten und Sprechweisen) und Tun, der Ideologisierung und Hypermoralisierung, der Einschränkung der Meinungsfreiheit.

Dieser Blog sieht als eine der Hauptursachen für diese Zustände die Krise des Christentums, sein Verschwinden als denk- und verhaltensprägende Kraft und sein Ersatz durch Ideologien, herbeigeführt von seinen Gegnern, aber in großen Teilen auch von ihm selbst.

Der Mensch braucht Religion, er hat ein Bedürfnis nach ihr, nach Transzendenz und großem Glück, sie ist wichtig (neben anderen Faktoren wie Lebensstandard, Bindung und Persönlichkeit) für seine Zufriedenheit/sein Glück, sein Überleben und seine Moral., nachhaltig und langfristig, gestern wie heute, empirisch und existenziell (vgl. Blaise Pascals Wette). Das kleine, wenn auch scheinbar „machbare“ Glück, das Aufklärung und Moderne versprechen, reicht nicht aus (wie man schon daran sieht, dass immer wieder Ideologien entstehen und mächtig werden, die das große, das absolute paradiesische Glück schon im Diesseits versprechen, dabei aber oft über Millionen von Leichen gehen oder neues Leiden produzieren). Religion ist –vor allem wenn ihre Regeln befolgt und gelebt werden – besser für das menschliche Wohl als jegliche Ideologie. Deshalb sollte man nicht leichtfertig versuchen, sie abzuschaffen – denn ein Leben ohne Religion ist zwar möglich, aber sinnlos.

Daneben braucht der Mensch auch –als Gegengewicht gegen übertriebene Offenheit, Neuerungssucht und Flexibilität – einen gesunden Konservatismus, der das Gute bewahrt und das Neue prüft, ob es ein Bewahrenswertes werden kann.

Leider wissen die Menschen oft nicht, was für ihr Leben, ihre Zufriedenheit, ihr Glück zuträglich ist und verfallen deshalb Ideologien, die sie – wie des Öfteren passiert – ins Verderben stürzen. Sie meinen, ihr Glück erzeugen zu können und produzieren doch nur Leid und Schmerz.

Auch die Kirche ist ständig in der Gefahr, schädlichen Ideologien zu verfallen, sich selbst zu säkularisieren statt den Glauben zu bewahren – Beispiele sind die Deutschen Christen (pro Nationalsozialismus), die „Kirche im Sozialismus“ der DDR/der religiöse Sozialismus/die „Theologie der Befreiung“ (pro Sozialismus/Kommunismus), die feministische und ökologische Theologie und heute die Theologie der Vielfalt. So sind inzwischen große Teile der christlichen Kirche zum Totengräber ihres eigenen Glaubens geworden, haben ihren Glaubenskompass verloren und marschieren in gutmeinender und subjektiv völlig überzeugter Weise in ihren eigenen Untergang.

Angesichts der geschilderten Lage ist Widerstand gegen diese ganzen Fehlentwicklungen nicht nur eine Option unter vielen – er ist vielmehr Pflicht.

Dieser Blog soll dabei helfen – unter anderem durch das Folgende:

Zuerst gilt es, die verhängnisvollen Entwicklungen angesichts vieler durcheinander redender und verwirrter Stimmen zu verstehen – durch Analyse, in gebotener Komplexität und Differenzierung, ohne (Tot-)Schlagworte, tiefgehend und mit breitem Horizont, unaufgeregt und sachlich.

Es gilt weiterhin, die Kunst der Argumentation erst wieder zu lernen, faktenbezogen und logisch-rational zu reden, offen zu sprechen, auch gegen Denk-Vorschriften, auch gegen moralisierende, zensierende und ausgrenzende „political correctness“, undogmatisch und frei.

Es gilt auch zu lernen, diese Art der Rede aus der eigenen Minderheitenposition gegen die herrschende Diskurskultur zu wenden, sich von dieser nicht zum Schweigen bringen zu lassen.

Es gilt die Notwendigkeit und Möglichkeit des Widerstands deutlich zu machen, es gilt auch die Notwendigkeit, sich gegenseitig zu ermutigen und bei Angriffen zu unterstützen.

Und dann können vielleicht auch Handlungsoptionen entwickelt werden, wie Widerstand als Tat aussehen könnte